…Temp…

…für temporär veröffentlichtes…

Passend zur Jahreszeit gibt es im Moment eine “neue” Geschichte zum ersten Mai von 7×57 zu lesen. Viel Spaß dabei und achtet auf die Moral…

Gedanken zum ersten Mai

(Folge 2)

04 Uhr 15 - Er war spät dran! Der schwere Barrique musste ihm gestern reichlich aufs Gehör gegangen sein, so dass er den Wecker erst spät gehört hatte. Aber die 280 PS des Audi Geländewagens kompensierten sein Verschlafen durch konsequentes beschleunigen auch aus tiefer Drehzahl heraus.

„Schon gute deutsche Ingenieurskunst der Wagen. Liegt doch wie ein Brett und das Bose-Soundsystem betont auch die letzte Klangebene von Puccini mit“, dachte Rohländer „ DAS ist Kultur!“

Er beschleunigte weiter, als er von der A70 auf die A 25 in Richtung Lünehausen einbog.

Den Hasen, der verschlafen auf Höhe des Beschleunigungsstreifens innerhalb des Marscher Kreuzes unter das rechte Vorderrad des 2 Tonnen SUV´s geriet, bekam Rohländer gar nicht mit. Er dachte nur: „Nee nee, die deutschen Straßen! Aber toll was die Luft gefederte Achsaufhängung alles an Unebenheiten schluckt….“

Die letzten 60 Kilometer bis Himmelbergen waren für Ihn überwiegend ereignislos. An der 24 Stunden Tanke in Lünehausen Nord hatte er sich noch einen halben Liter Astra, zwei Jägermeister und 4 Bifis zum Frühstück besorgt und sich kurz über so eine Öko-Tante geärgert, die ihren blöden Corsa fast mit 20 km/h auf den Parkplatz „geschoben“ hatte und ihn dann noch als Mörder beschimpfte, als sie nach seinem wilden Hupen, die DJV- und Jagdschutz- Aufkleber an seinem Q7 gesehen hatte.

„Olle Sozialpädagogik-Hippe, keine Ahnung von Populationsdynamik der Wildtiere außer der Läuse in deiner Rasta-Matte, aber rumpöbeln!“ hatte er ihr noch hinterhergeschrienen und war mit quietschen Reifen weitergefahren. „Musst dich echt beeilen Rohländer! Wenn man schon so viel Kohle für die Pacht ausgibt, muss man da auch mal ernten!“

Martin hatte gestern Abend in einem fast rituellen Akt das Knusperhaus bezogen und sich nach einem anstrengenden Tag im Büro eine Suppe auf dem Gaskocher bereitet, dazu ein Bier getrunken und war dann mit Dackel Fiete im Schlafsack über den Geschichten von Cramer-Klett eingeschlafen.

Der Wecker hatte die beiden am nächsten Morgen bereits um 3:30 Uhr wieder aus den Federn gerissen. „Na Fiete? Nun wollen wir mal den ersten Mai begehen, was?“ Begrüßte Martin den Raubautz. Im Kerzenschein kochte er sich einen Tee und verstaute diesen, nicht ohne ihn mit einem Spritzer Rum gegen Lungenentzündung zu würzen, im Rucksack.

„Zum Sitzen zu kalt und zum Radeln zu warm..“ schmunzelte Martin als er aus der Hütte trat und in den sternenklaren Heidehimmel blickte.

Das alte Hollandrad schnurrte leicht quietschend den Sandweg vom Knusperhaus in Richtung Weihnachtsmannsland entlang. Martin hatte ganz gut zu tun im Dunklen die Spur zu halten und gleichzeitig sein Zauberzeug auf dem Rücken zu balancieren. Fiete, im Gepäckträger-Korb, nahm die Schaukelei nur mit einem kurzen murren zur Kenntnis.

„Wir haben richtig viel Zeit, auch wenn die Vögel und ein leichter Schimmer im Osten schon den Morgen ankündigen. Richtig spannend wird es ja sowie so erst wenn die Sonne den Tau auf der großen Wildwiese vertreibt und sich die Rehe entscheiden ein wenig herum zu bummeln“ erklärte Martin seinem Hund die Situation.

Direkt unter der Schlafkanzel am Himmelbergerwinkel ließ Rohländer den Audi ausrollen und befreite sich schnauffend aus dem Ledersitz. „Ahhh geschafft, schon fast helle aber egal, geht ja sowieso nix vor 7!“ Das gerade in der Nachbarjagd verschwindende Kahlwildrudel und die drei Muffelwidder, die hinter ihm hochflüchtig das Feldgehölz verließen, nahm er nicht war. Rohländer war zu sehr mit dem Anziehen seines Realtree-Tarnüberzugs beschäftigt. „Dieses Teil raschelt leider recht laut, aber das ist ja in der geschlossenen Kanzel nicht so schlimm. So, noch die Kanone und Murmeln und rauf auf die geräumige Kanzel.“ Schnaufend stemmt er sich die Leiter zum brandneuen, frisch auf der letzen Jagdmesse erstandenen  Luxus-Hochsitz hinauf.

Nach 5 Minuten sitzen merkt er, dass die Bifis und das Bier noch im Wagen liegen – „Scheiße! Wieder runter und das noch geholt, hält man ja sonst nicht aus hier oben…“

Martin hatte sich bereits eine halbe Stunde vorher zwischen den Birken am Rande des großen Wildackers am Weihnachtsmannsland entlang gepirscht. Nun saß er auf der alten Leiter, die seit dem er denken konnte in die gut 200 Jahre alte Kiefer eingebaut war. Fiete hatte es sich auf der am Boden abgelegten Lodenkotze bequem gemacht. Er richtete sich in diesem Moment auf, um mit zitternden Behängen gegen die nächstgelegene Waldkante zu wittern, aus der soeben 5 Stücke Rotkahlwild recht nervös austraten. Martin hob bedächtig sein gutes altes Zeiss-Glas und beobachtete die Stücke.

„Es ist doch immer wieder beeindruckend wie man bei den alten Tieren ein „Nachdenken“ in der Mimik erkennen kann“ sinnierte er. „Kommen bestimmt aus Himmelbergen 2 und sind dort beunruhigt worden…Ob der komische Rohländer wohl am Winkel sitzt heut morgen?“

Das Kahlwild verschwand rechts von ihm im kleinen Birkenmoor und Martin gönnte sich einen Tee und ein Stück Schokolade.

„Man das gibt es doch nicht…glatt eingeschlafen. Rohländer das geht so nicht! Erst mal n Schluck Bier jetzt! Diese Würste sind was gewürzt…hoffentlich bekomm ich nicht das Reißen, dann ist vorbei mit Jagd. Dann steht hier für Wochen ein natürlicher Duft-Zaun…. Hä Hä! Mensch was man sich so alleine in der Wildnis für Gedanken macht. Nee, was n Naturerlebnis so´n morgen! Oh was ist das den da hinten? Scheiße, das Glas liegt noch im Auto – dann gleich die Knarre! Ach nee, ist nix! Nur so´n Fasan. Was interessiert mich der, das hier ist ne Hochwildjagd! Wo sind den die Böcke alle…?“

Martin fixierte die Randbirken so sehr, dass ihm die Tränen in die Augen traten. „Da zwischen den 3 kleinen Kusselkiefern und dem Erlenanflug war doch eben eine Bewegung! Da wieder! Ha, hab ich dich!“ Nun hatte er die Keulenpartie des Bockes im 8 fachen Doppelglas. Das es ein Bock war bewies das heftig wackele Kieferchen. „Machst deine morgenrunde was? Na komm, zeig mal dein Haupt!“ Der Bock tut ihm den Gefallen und zieht einen Schritt vor. „Donnerwetter! So einen hat man hier noch nicht gesehen!“

Martin brachte mit fahrigen Händen Opas Sauer Drilling in Anschlag.

„Verdammt viel zu weit! Mindestens 200 m und dann mit dem 6 fachen Glas..nee das wird nichts, brauch ich gar nicht stechen…schöner Mist! Na..nicht fluchen, die Saison hat gerade angefangen und den bekommt man schon irgendwie. Aber der Bursche hat sich n guten Einstand gesucht. Vom Moor kommt man nicht ran und über die Wiese ist ein anpirschen ohne Deckung nicht möglich. Na, hoffentlich macht der keine Ausflüge in die Nachbarjagd…

Für Martin nicht sichtbar, hatte sich ein Jährlingsbock törichterweise den fegenden Platzbock genähert. Der noch nicht ganz reife aber vor kraft strotzende Sechser ließ heute morgen nicht mit sich Spaßen und brachte den ungleichlangen 11 Kilo-Zwerg in Richtung Winkel auf die Läufe…

„Sakra jetzt aber…oh die jagen sich! Die Blattzeit geht aber früh los dies Jahr! Das erste muss n Schmalreh sein…!“ Rohländer brachte seine Remington Police Jagdmatch im Kaliber 300 Win. Short Magnum in Anschlag und visierte den spitz zu ihm sichernd am Waldrand verhoffenden Bock an. 250 m zeigte das Zeiss Diarange…„Also n Bock ist das. Wenn er jetzt breit..ahhh egal, so ist auch recht…“

Das High Power Accubound Geschoss schlug auf der letzten Rippe ein und hebelte den Bock wie mit dem Dampfhammer aus. Er überschlug sich zweimal und blieb dann am Platz liegen.

Fiete hatte sich -mit einem leisen Knurren- nach dem Schuss aufgerichtet. „Hmm, das war der Rohländer im Winkel.“ Martin hatte deutlich den Kugelschlag gehört. „So muss es klingen wenn man mit 250 km/h einen LKW in ´ner Herde Schwarz-Bunter parkt..“ dachte er kopfschüttelnd. „Naja. Weidmannsheil, Herr Kollege!“ Martin zog vorsichtig grüßend den Hut in Richtung Grenze.

„Naja, ganz gut der Bursche, kommt aber lange nicht an den vom letzten Jahr aus Ungarn ran. Die Jungs haben aber ja auch ganz andere Böden da. So dann wollen wir den mal versorgen. Junge junge die Magnum hat mir da ja schon viel abgenommen aber Rippchen vom Reh ist ja eh keiner…So wo zum Geier ist mein Messer?“

Martin war schweißüberströmt und seine Lunge pfiff wie verrückt. 200 Meter robben durch das feuchte Gras an der linken Wiesenkante entlang hatten seinen Puls ordentlich in die Höhe getrieben.

Kurz nach dem Schuss von Rohländer, war im hinteren Ende der Wiese ca. 300 m entfernt, dort wo sie im rechten Winkel gen Westen abknickt, ein Jährlingsbock ausgetreten und hatte sich in der Wiese niedergetan. Martins Spektiv zeigte ihm gerade gefegte, irgendwie verbogene Stangen, die eine knapp lauscherhoch die andere nur halb so lang. „Den Burschen versuch ich mir näher anzuschauen!“ hatte er zu Fiete geraunt und sich auf den Weg gemacht. Nun kniete er an der letzten deckungsbietenden Birke und versuchte seine Atmung zu beruhigen. Das Böckchen war inzwischen hoch geworden und äste spitz von ihm weg auf ca. 80 Meter. Leise schob er die Sicherung vor, der Bock drehte breit. Mit leisem „Klick“ – eingestochen und raus war das 10 Gramm Geschoss aus der 7×57R. Der gute Treffer ließ den Jährling nach einer kurzen stürmischen Flucht nach 20 m noch auf der Wiese verenden. Martin sacke an seiner Birke zusammen und pustete kräftig durch.

Rohländer schwitze genau wie Martin als er den Bock endlich im Kofferraum hatte. Dies allerdings unaufgebrochen, denn das verdammte Puma Damastmesser war nirgends zu finden. „Ach egal, das mach ich dann am Wildraum, da ist auch Wasser. Schon alleine wegen der Wildbret-Hygiene. So, nun noch den ganzen Kram von der Kanzel einpacken und ab zum Kühlraum in Gahrde.“ In diesem Moment meldete sich sein Blackberry…

Der „krumme“ Jährling hing an der alten Hüttenfichte zum ausschweißen. Glücklich und zufrieden, ja geradezu seelig saßen Martin und Fiete vor dem Knusperhaus in der Sonne. Martin hatte ein kleines Feuer entfacht und in der gut eingebratenen Gusseisernen schmolz die Butter für die frische Jährlingsleber, die sich die beiden gleich teilen wollten. „Ach, ist doch herrlich Kumpel, oder?“ Fiete schaute ihn von unten her an. „Das hat schon gepasst. Und vielleicht holen wir uns den „Dicken“ im August wenn er schön rot ist und die Stangen auch richtig gut Farbe gezogen haben. Ja, das machen wir, wenn wir ihn denn wiederfinden…“

Du glaubst nicht was ich für einen anstrengenden Jagdmorgen hinter mit hab Karl, aber da hast du ja als Städter keine Ahnung von was, ha ha!!“, lachte Rohländer in sein Blackberry.
„Was sagst du Karl? Heute Nachmittag HSV? Loge? Ja klar, immer! Nee zur Jagd brauch ich heut nicht mehr. Weißt du bei mir wird nach neuen Erkenntnissen aus der Wildbiologie in Intervallen gejagt. Ich bin dabei!“

Er war bereits auf der B44 Richtung Lünehausen als er das Gespräch beendete, Puccini aufdrehte und über das Bier und Essen in der Loge der Nordbankarena nachdachte…

„Ja DAS ist Kultur!“

…Den Bock aus dem Birkenmoor, der noch immer unaufgebrochen im Kofferraum lag, hatte er da schon längst vergessen…

7×57 25.04.09

Tim 27. April 2010 Keine Kommentare Trackback URI Comments RSS

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